Hallo miteinander,

Exakt 730 Tage spaeter, das entspricht 2 Jahren, habe ich wieder die Grenze in Copacabana am tiefblauen Titikakasee nach Bolivien ueberschritten, das Land, das mich schlussendlich fuer die jetzige Reise inspirierte, mit seinen ewigen Weiten des kargen, flachen Altiplanos - im Westen begrenzt durch zahllose Vulkane, im Osten durch die schneebedeckten Gipfel der Cordillera Real , die steil in die heissen Dschungelgebiete einiger Amazonaszufluesse abfallen.

Da ich meine gute Aklimatisierung und Wanderkondition nicht versauen wollte und mir schon bei der Vorstellung von ewig schweissiger Haut , Hitze und surrenden Muecken heiss wurde, entschloss ich mich auch in Bolivien in den Bergen zu bleiben. Somit gings ab mitten in die Cordillera Real in das idyllische Dorf Sorata, wo ich neben einigen Tagen mit dem Zelt in den Bergen auch ein wenig Entspannung fand. Nach sovielen Wanderungen vorbei an eisigen Gipfeln, die mir staendig zuriefen, wurde es Zeit dem inneren Drang nachzugeben. Kurz vor Weihnachten schloss ich mich einer "Expedition" an um mit Steigeisen und Pickel bewaffnet den 6088m hohen Huayna Potosi zu erklimmen. Wir starteten gegen 1:00 in der Nacht unseren Gipfelsturm begleitet von Mondschein und Sternenhimmel und erst als wir in der letzten steilen Wand hingen - natuerlich durch Seil gesichert - und es langsam zu daemmern begann, fragte ich mich ploetzlich nach einem Blick hinunter, ob ich denn da auch heil wieder runterkommen werde. Wir kaempften uns die letzten 100m Schritt fuer Schritt an die Spitze und wurden mit dem Sonnenaufgang und atemberaubenden Blicken ueber die Cordillera, Altiplano, Titikakasee, La Paz und die unter uns liegenden Wolken belohnt.

Beim Abstieg stellte ich dann erst fest, wo wir da in der Nacht hochgelaufen waren. Die Eiswaende erschienen noch steiler, die Gletscherspalten waren auf einmal sichtbar und der leuchtendweisse Gletscher schien nahtlos in die weissen Wolken ueberzugehen. Ein schoeneres Geburtstagsgeschenk haette ich heuer wohl nicht bekommen koennen.

Weihnachten in La Paz war nicht nur feines Essen in lustigen Runden in gemuetlichen Restaurants bei Kerzenschimmer und Weihnachtsflair sondern widerspiegelte auch die krassen Klassenunterschiede in Bolivien. Ueber die Weihnachtszeit ziehen die aermlichen Frauen mit allen ihren Kindern vom Land in die Staedte um am Heiligen Abend in einer langen Schlange wartend Geschenke, normalerweise diverse Kleidungsstuecke von Sammlungen der Hilfsorganisationen, zu bekommen. Die restlichen Tage davor und danach sitzen sie zu Massen bettelnd auf der Strasse herum mit ihren Filzhueten, verstaubten Kleidungen und Sandalen gemacht aus alten Autoreifen, die trockenen, runzligen Haende ausstreckend waehrend sich der Rest mit den besten Gewaendern herausgeputzt zur Geschenksuche durch die vollgestopften Weihnachtsmarktstrassen zwaengt oder sich mit Krippe und Jesukind in den Haenden in die Weihnachtsmetten begibt. Ein Bild das weh tut.

Nach all dem Trubel wurde es wieder Zeit ein wenig Ruhe zu bekommen und den zeitlich fuer mich unguenstigen Silvester in meinen Plaenen zu ignorieren. Somit liess ich mich in den Doerfchen Sajama und Parinacota nieder, im Altlas werdet ihr eher die gleichnamigen Vulkane an der chilenisch-bolivianischen Grenze finden. Ich begnuegte mich diesmal mit einigen kleinen Gipfeln zwischen 5000 und 5200m und Entspannen in heissen Quellen. Landschaftlich wieder ein Traum, mit Vulkanen und Seen und den ueblichen Llama- und Alpacaherden, ich war in einfachen Unterkuenften bei Familien untergebracht, bei denen ich mitessen konnte was so auf den Tisch kam: Alle erdenklichen Alpacateile mit den ueblichen, trockenen Beilagen Reis und Kartoffeln. Dass Silvester somit eher gemuetlich ausfallen wuerde war anzunehmen, dass jedoch in Parinacota gerade mal 3 betagte Frauen anwesend waren, kein Gasthaus geschweige von Bier zu finden war und das letzte Stueck Stimmung aus dem Radio durch den Stromausfall getoetet wurde, haette ich nicht erwartet. Was blieb mir da anderes uebrig als den Jahresbeginn ganz einfach zu verschlafen!

Zurueck ueber die Grenze nach Bolivien musste ich per Anhalter und die Fahrt wurde abenteuerlicher als gedacht. Zuerst hatten wir Glueck, dass wir nicht ein Llama auf die Motorhaube gabelten, spaeter mussten wir einem Jeep helfen, der durch einen Hagelsturm in den Strassengraben schlitterte und Glueck hatte nicht im Fluss daneben zu versinken, und am Ende ging uns fast noch der Sprit aus, weil bei der Hilfe durch die Benutzung des Vierradgetriebe, das wir nicht mehr rausbrachten, unser Gefaehrt sehr durstig wurde.

Schlussendlich machte ich mich mit einem Halt in der ehemaligen Minenstadt Oruro, besser bekannt durch seinen traditionellen Karneval, fuer den ich jedoch einen Monat zu frueh war, auf zum Kernstueck jeder Bolivienreise - die weisse, flache Salzwueste bei Uyuni, die teils mit Wasser bedeckt war und somit einen hervorragenden Spiegeleffekt ergab, spaeter hoch durch die Wuestenlandschaften Suedboliviens zu den in allen Farben schimmernden Lagunen mit tausenden Flamingos und imposanten Vulkanen. Licancabur, ein nahezu perfekter Konus von fast 6000m, musste diesmal herhalten, am Fusse die tuerkisgruene Laguna Verde, die mit den weissen Sulfatablagerungen am Ufer Karibikstimmung aufkommen laesst. Daneben befindet sich die Laguna Blanca, an der ich 3 Tage verweilte und auch genuegend Zeit fand um deren Farbenspiele aus metallhaltigen Wasserfarben, Bergreflexionen, Sonne, Wind und Schatten aufzusaugen.

Die "Zivilisation" erreichte ich nach einigen Tagen wieder in Tupiza, das wiederum eine landschaftliche Abwechslung in Form von Canyons und ausgewaschenen Felsformationen bot.

Mit der Ausreise nach Nordargentinien ging nun definitiv mein 4. Reiseabschnitt zu Ende - die Zentralandenlaender Equador, Peru und Bolivien boten ein Feuerwerk aus Berglandschaften und Menschen, die Traditionen, Sprachen und ihre bunte Trachtenpracht erhalten konnten und mir ein komplett anderes Reiseambiente bescherten als es mich in meinem vorlaeufig letzten Reiseabschitt durch Argeninien und Chile erwartet laesst. Aber mehr dazu im naechsten Bericht.

Liebe Gruesse an alle aus Cachi, Argentinien

Guggi