Tibet
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Hallo
miteinander,
Von
Kathmandu aus startend ging es wieder einmal durch gewohntes, Terrassenfelder
ueberzogenes , nepalesisches Bergland entlang der ueblichen kurvigen
Strassen, die aufgrund zahlreicher Erdrutsche oftmals mehr einer Baustelle
gleichen , hinauf zur tibetischen Grenze. Wie ich es inzwischen auf
meiner Reise gewohnt bin , war auf der anderen Seite wieder mal alles
komplett
anders und neu.
Kommunistische, protzige Bauten, strammstehende Grenzbeamten in fein
herausgeputzten Uniformen, 3 Stunden endloser Buerokratismus und als
wir dann endlich weiterfahren koennen, lauter chinesische Fliessenbauten
anstatt der schoenen tibetischen Steinbauten - bin ich in dem Tibet
von dem ich gelesen habe?
Je weiter man sich von der Grenze weg in die Hoehe schraubt, desto mehr
veraendert sich das Landschaftsbild. Das enge V-Tal mit seiner schwindelerregenden
Strasse oeffnet sich mehr und mehr und wird zu einer atemberaubenden,
wuestigen, sanfteren Berg und Huegellandschaft durchzogen mit riesigen
Ebenen, die entweder gruene Anbaufelder und Graslandschaften oder karge,
trockene Flusstaeler sind. Landschaften wie ich sie zuvor nur von Suedamerikas
Altiplano kannte, im Hintergrund weiss leuchtend die bekannten 8000er
und darueber ein klares, kraeftiges Himmelblau, das alle Farben viel
kraeftiger erscheinen liess. Malerische tibetische Doerfer, Bauern die
mit geschmueckten Yakgespannen die Aecker bewirtschaften, winkende Menschen
bei der
Feldarbeit - Kulissen wie aus dem Bilderbuch. Tibet ist wahrhaftig das
Dach der Welt!
So gehts ueber endlose Schotterpisten mit einigen Paessueberquerungen
um die 5000m Richtung Lhasa und waehrend die meisten im Bus aufgrund
der duennen Hoehenluft in den Schlafmodus wechseln, knipse ich enthusiastisch
laufend meine Akkus leer. Nach fuenf Tagen erreichen wir Lhasa, das
wie die anderen Staedte Tibets, seine urspruengliche Idylle verloren
hat. Die schoenen tibetischen Altstaedte muessen teilweise regelrecht
gesucht werden, sie wurden von chinesischen Fliesenbauten, kollosalen
Glasbauten, modernen Geschaeftsvierteln und Prunkstrassen in den Hinterhof
betoniert. Entlang des Lhasa Flusses erstreckt sich eine Baustelle so
weit das Auge reicht - ein riesiges Apartmentviertel pflastert eine
ganze Insel zu. Das ist nur eine von vielen
Grossbaustellen, die Tibets Bild veraendern und mir wie eine Dampfwalze
vorkommt, die dieses Land ueberrollt und mit chinesischen Immegranten
ueberflutet. Meine ohnehin kleine, naive "Freies Tibet" Hoffnungsblase
wurde regelrecht zerfetzt.
Aber zu was positiven - man sieht wieder Massen von Pilgern durch die
Strassen und in die Tempeln ziehen, mit Rosenkranz und Gebetstrommeln
drehend, laufend irgendwelche Mantras murmelnd, sich auf den Boden werfend,
mit Butter und Loeffel in der Hand die Butterkerzen damit zu fuellend.
So grotesk so manche Eindruecke waren, so beeindruckt war ich vom tiefen
Glauben der Tibeter,
der der chinesischen Unterdrueckung standgehalten hat. Trotzdem sind
die Spuren der Verwuestung unuebersehbar, zahlreiche Ruinen, die grossen
Kloester wie Sera oder Ganden haben ihren Glanz verloren und gleichen
vielfach eher Baustellen mit nur wenigen Moenchen , die horrende Eintrittspreise
kassieren, die dann wohl nach Peking wandern. Wenn sich kein "illegaler
Weg" hinter die Mauern finden liess, habe ich den Besuch schlichtweg
boykottiert.
Nach ein paar Tagen in Lhasa hab ich mich wieder mal auf Schusters Sohle
begeben und bin mit einem Kumpanen fuer 4 Tage mit Zelt und Campingequipment
in die tibetische Weite gezogen - "back to the roots" , weidende
Yak-, Ziegen- und Schafherden, gastfreundliche Nomaden, die uns in ihren
Zelten zu Buttertee einluden, den wir laechelnbewahrend hintunterschlungen.
Da unser Gaskocher sich alles andere als effektiv herausstellte, durften
wir auch ihre Kochstellen benutzen und als wir am letzten Tag von 2
Moenchen begleitet wurden, sorgten diese immer fuer ein brauchbares
Lagerfeuer. Auf dem Weg zurueck nach Lhasa wurden wir von einem Pilgerbus
mitgenommen, der zwar ewig brauchte, uns aber an etlichen Tempeln vorbeifuehrte
und begleitet von Musik und Gesangsstimmung wieder mal einer von vielen
unvergesslichen Momenten.
Zurueck in Lhasa war ich wieder mit den chinesischen Schikanen konfrontiert,
selber Leute fuer die rechtzeitige Rueckreise nach Nepal finden, Visa
verlaengern obwohl es eigentlich nicht moeglich ist , Genehmigungen
besorgen - das Reisen wird einem hier bewusst schwer gemacht. Nachdem
ich die Leute fuer einen Jeep gefunden hatte, fuhren wir zum tibetischen
Everest Basecamp auf
5200m. Mount Everst ist von dieser Seite viel imposanter und schon von
weiterm sichtbar - nicht wie auf der Suedseite wo eigentlich nur der
Gipfel sichtbar ist. Mit noch mehr Ehrfurcht stand ich dieses Mal davor,
mich an die Berichte
erinnernd, die mir ein Englaender in einer Bar in Kathmandu geschildert
hat. Er musste mit seinem Team wegen Schlechtwetters auf dieser Nordseite
umdrehen und waehrend sie alle heil nach unten kamen, liessen 7 andere
heuer zur selben Zeit dort oben ihr Leben. Abschliessend meinte er:
"Das ist es nicht wert". Links neben dem Basecamp hatten wir
einen "Huegel" erspaeht, von dessen Gipfel
Everest zum Greifen nahe schien. Leider verwehrte uns das Wetter am
naechsten Tag den Blick und auch der Gipfel stellte sich als hoeher
als angenommen heraus. Knapp ueber 6000m gaben wir auf, mir ging regelrecht
die Luft aus. Eine harte aber interessante Erfahrung. Schliesslich gings
zurueck an die Grenze und waehrend es auf der einen Seite mal wieder
ewig dauerte und einiges Theater gemacht wurde, war auf der anderen
Seite alles in 2 Minuten mit einem fuer mich ueberraschenden Gratisvisa
erledigt. Herzlich willkommen zurueck in Nepal. In den verbleibenden
Tagen war nun Erholung angesagt, ich fuhr in den Sueden Nepals in den
Chitwan Nationalpark, wo ich in einem Garten ausspannen und zur Abwechslung
ein wenig auf Safari gehen konnte. Neben Elefanten, Nashoernern, Krokodilen,
Schlangen, Affen, Voegeln und Insekten gabs vor allem meterhohes Elefantengras
, zwischen dem sich die Hitze ordentlich staute und die Schweissbaeche
rinnen liess.
Nun bin ich wieder mal in Kathmandu und habe die letzten paar Tage Zeit
mir Gedanken darueber zu machen, wie ich all das Zeug, das sich inzwischen
angesammelt hat, in meinen Rucksack bekommen kann. Danach gehts weiter
nach Europa, genauer gesagt in den Westen von Oesterreich, wo ich einige
Verwandte und Freunde besuchen werde. Freue mich schon.
Liebe
Gruesse an alle ein letztes Mal aus Kathmandu
Guggi
25.06.2004