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Hallo miteinander,

Dass Venezuela reichlich Oel hat und dies sogar noch subventioniert zum Spottpreis an die einheimische Bevoelkerung verschaerbelt wird, spiegelt sich sofort an der Grenze im Strassenbild wieder. Massenhaft alte, halb auseinanderfallende, durstige us-amerikanische Karrossen gemaess 70-80er Hollywoodfilmen gurgeln durch die Strassen oder stehen an den Tankstellen Schlange um in ausgebauten Tanks den Sprit ueber die Grenzen zu schmuggeln. 50l und mehr pro 100km spielen bei einem laecherlichen Preis von 2,5 Eurocent pro Liter - ja ich habe mich nicht verschaut oder verrechnet - sowieso keine Rolle. Diesel ist nochmals 20% billiger. Wasser oder Limo ist somit 10x teurer! Fuer mich bedeutete dies angenehmerweise wieder geringere Transportkosten im Gegensatz zu den Nachbarlaendern Kolumbien und Brasilien.
Nachdem ich etliche, laestige Polizeicheckpoints ueberraschenderweise ohne die von anderen erwaehnten, langwierigen Gepaecksdurchsuchungen ungescholten ueberstanden hatte - vielleicht waeren Drogenspuerhunde ein hilfreicher Tip, erreichte ich mein erstes Ziel: Merida, dem Outdoor-Aktivitaeten Zentrum in Venezuelas Andenauslaeufer. Da die hoechste Seilbahn der Welt ( von 1500m hoch zum Pico Espejo auf ca. 4765m ) wegen Wartungsarbeiten ausser Betrieb war und die Gipfel eigentlich nur in den fruehen Morgenstunden sichtbar waren, liebaeugelte ich mit dem restlichen Angebot abseits von Gipfelstuermen. Ich gab mir somit mal den Canyoning-Kick - ihr wisst schon, das ist die Laengsdurchquerung eines Flussverlaufes mit Abseilen ueber Wasserfaelle und Mutprobenspruenge zwischen die Felswaende ins weiss schaeumende Wasser - und einen mehrtaegigen Ausflug ueber die Berge hinunter ins weite Flachland nahe Mantecal mit reichen Tierbestaenden entlang der Fluesse und Sumpflandschaften.
Neben massenhaft Voegeln, Krokodilen, Schildkroeten und Cabivaras sahen wir auch 2 Anacondas und einen Ameisenbaer - weiters war Piranha fischen, ein Rafting Stopp auf dem langem Anreiseweg und ein Reitausflug Teil des Tourprogramms. Auf letzteres haette ich jedoch nach meiner ersten schmerzhaften Reiterfahrung in Kolumbien gerne verzichten koennen. Da ich mir aber keine Bloesse geben wollte, kletterte ich halt wieder auf so einen Gaul, der mit einem Unerfahrenen wie mir ohnehin macht was er will. Im Schritt hatte ich noch das Gefuehl alles im Griff zu haben und meinte das Lenken und Bremsen zu verstehen. Schaltet dieses Tier aber einen Gang hoeher in den Trab rutschte ich natuerlich wieder aus den zu schmalen Steigbuegeln und mein wertes Hinterteil klatschte im Sekundenrhythmus auf den harten Sattel. Der Galopp ist zwar weniger schmerzhaft jedoch ohne Steigbuegelhalt versuchte ich mich irgendwie im Sattel zu halten und muss eher ein Bild eines Rodeoreiters abgegeben haben, der - und darauf kann ich wenigsten stolz sein - nicht abgeworfen wurde. Bleibt noch zu erwaehnen dass es dort unten nur so von Insekten wimmelte und in den Naechten trotz Mueckennetzverbau das grosse Krabbeln angesagt war. Dafuer herrschte regelrechte "Technopartystimmung" mit den verschiedenen Kroetenarten als Base, Voegeln und Grillen als Melodietraegern und ein Meer von blinkenden Leuchtkaefern unterstuetzt durch ein Gewitter im Hintergrund war fuer die Lichteffekte zustaendig. Zurueck in Merida, nochmals die Kuehle geniessend, fuhr ich weiter nach Maracay, von wo ich in zwei kurvigen Stunden und ohrenbetaeubender Salsamusik ueber einen Regenwald-bewachsenen Bergruecken das Fischerdorf Puerto Colombia erreichte und mir wenigstens fuer ein paar Tage einen von Venezuelas Traumstraenden goennte. Wieder mal kristallklares Wasser, Palmen & Co, schlagt einfach den Karibikteil des Reisekatalogs auf. Waehrend ich den schuetzenden Palmenschatten vorzog, bruzelten zwei schwaebische Kurzurlauber in der prallen Sonne. An ihrem 2. Tag begleiteten sie mich wehleidig zurueck nach Maracay von wo ich, wieder mit Pulli,Fleecejacke und Kappe eingehuellt versuchend in den uebertrieben unterkuehlten Klimaanlagenbussen halbwegs zu schlafen, nach Ciudad Bolivar weiterreiste. Von dort kann man per 6-Plaetzer Cessna nach Canaima fliegen, wo der Rio Carrao ueber sieben nebeneinanderliegende Wasserfaelle in eine Lagune mit Palmen und weissem Sandstrand donnert. Einige Indios leben in diesem dank fehlender Strassenverbindung gewahrten Paradis bei dem man hinter 2 Wasserfaellen die Wucht miterleben und in acht Stunden flussaufwaerts ueber unzaehlige Stromschnellen klatschnass den hoechsten Wasserfall auf Erden bewundern kann - den Salto Angel. Zugegeben imposant wie das Wasser von einem diese Landschaft praegenden Tafelberge in 979m freiem Fall herabstuerzt, leider besteht das Problem die wahre Dimension realisieren zu koennen. Ein wenig half mir der tolle Rueckflug nach Ciudad Bolivar auf nur etwa 1000m als ich mir die Wasserfallhoehe mit einem Blick hinunter vorstellte.

Der drueckenden Hitze von Ciudad Bolivar, wo die einzige Bruecke den Rio Orinoco ueberquert, enteilte ich Richtung Sueden nach Santa Elena. Die Strasse fuehrt dabei die letzten 300km durch gruene Gran Sabana, einer huegeligen Graslandschaft mit einigen wenigen Baeumen und Palmen und Tafelbergen im Hintergrund. Zur Besteigung des knapp 2800m hohen Roraima - Tepuis landete ich, nachdem ich keinen Partner zur Selbstorganisation gefunden hatte, abermals in einer Tourgruppe und endete in Venezuela nach ueber 4 Monaten Tourabstinez und der nachwievor bleibenden Abneigung als regelrechter Tourjunkie. Der Vollpensionsausflug im gemaechlichen Jedermannszeitplan fuehrte zuerst ueber die Savanne mit beissenden Insektenschwaermen im Obstfliegenformat ansteigend durch dicht bewachsenen, niedrigen Wald zum Fusse der 400m Senkrechtwand. Eine Quertraverse fuehrt hoch auf das Plateau, das mit schwarzen Sandsteinformationen, Tuermen, tiefen Schluchten und etwas gruener Vegetation ein surreales Ambiente bietet. Nur wenige, einzigartige Tiere leben unter den kuehlen und staendig aenderenden Wetterbedingungen und und dort herrschenden Lebensvoraussetzungen.

Inzwischen tickt der Countdown fuer meinen Heimflug ziemlich rasant, speziell wenn ich einen Blick auf die Landkarte wage und sehe was fuer unendliche Weiten noch zwischen mir und Buenos Aires liegen.


Liebe Gruesse an alle aus Boa Vista, Brasilien

Guggi